Zwischen dem 5. und 7. Lebensjahr machen viele Eltern eine spannende – manchmal auch herausfordernde – Zeit mit ihrem Kind durch: die Übergangsphase vom Kindergartenkind zum Schulkind, oft „Wackelzahnpubertät“ genannt. Ihr Kind möchte plötzlich alles allein machen, diskutiert über Regeln, ist mal extrem anhänglich und im nächsten Moment unglaublich selbstständig. Vieles erinnert an die bekannte Trotzphase im Kleinkindalter – und das ist kein Zufall.
Denn aus entwicklungspsychologischer Sicht verdient diese Vorschulzeit einen offiziellen Namen: die zweite Autonomiephase. Somit wären wir beim besonderen Bedürfnis in dieser Phase: der Autonomie.
Warum spricht man von einer zweiten Autonomiephase?
Autos kommt aus dem Griechischen und heißt selbst, alleine. nomos bedeutet das Gesetz. Im alten Griechenland war es die positive Gesetzgebung, die damit gemeint war. Damit wurde die natürliche Gesetzgebung abgegrenzt. Für die alten Griechen gab es also eine von der Natur vorgegebene Gestzgebung und eine von Menschen gemachte. Andere Kulturen wie die alten Ägypter und später die Römer haben dies auch schon erkannt. Die Natur regelt ja nicht die z.T. von Menschen gemachten Konflikte oder die Menschen entstandenen Konflikte. Autonomie heißt also so etwas wie „Selbstgesetzgebung“: Wer Kinder in dem Alter hat, weiß, dass es je nach Temperament viel mit „Ich will alleine“ und auch „ich will das jetzt machen“ und es oft sehr große emotionale Schwierigkeiten gibt, wenn das Kind das eben nicht alleine darf oder sogar noch gar nicht darf. Das liegt an der Entwicklungsphase des Kindes zwischen 4 und 7.
1. Das Gehirn macht einen riesigen Sprung
Wie bereits im zweiten Blogartikel dieses Adventskalenders gezeigt, entwickelt sich in dieser Zeit das Gehirn rasant. Ich erinnere an Piagets Gehirnmodell. Das Gehirn denkt anders als noch in der Kleinkindphase. Es wird umfassender, planerischer und kann auch mehr Zwischenstufen wahrnehmen. Die vielen Menschen bekannte Grauzone kommt mehr ins Bewusstsein des Kindes. Die Empathie kommt auch noch dazu. Gefühlsmäßig passiert da in dieser Zeit auch so einiges. So ist bei ganz vielen Kindern beobachtbar, dass zwei Gefühle gleichzeitig zu fühlen sind. Man kann z.B. traurig und wütend über eine Sache sein. Oder mit einem lachenden und weinenden Auge die Sache sehen. Neue Sprichwörter sind nun auch gefühlsmäßig aufnehmbar wie „Das kann man von zwei Seiten sehen“. Eventuell tragen Sätze wie „Das kann man vielleicht ja auch positiv sehen.“ erste Früchte.
2. Das Selbstbild wächst
Vorschulkinder sind nun in der Lage, viele grob- und feinmotorischere Sachen zu können. Bastelarbeiten werden filigraner. Erste Wettrennen werden sich mit trainierten und untrainierten Erwachsenen geliefert, die das Kind auch -je nach Ehrgeiz und Kampfeswille des Erwachsenen- durchaus auch schon gewinnen kann. Viele Kinder erarbeiten sich das Seepferdchen. Das Kind bekommt vieles mehr mit als noch in der Phase davor.
3. Vorbereitung auf die Schule
Kinder möchten beweisen, dass sie „groß genug“ sind. Das Bedürfnis nach Selbstständigkeit wird enorm stark – ganz natürlich, um den Schritt in die Schule selbstbewusst meistern zu können.
4. Emotionen werden intensiver
Wie in der Trotzphase geraten viele Kinder auch jetzt wieder in emotionale Turbulenzen. Sie wollen mehr Verantwortung, merken aber gleichzeitig, dass manche Dinge noch überfordern. Das führt zu Frust, Rückzug, Wutausbrüchen oder Tränen – klassisch für Übergangsprozesse. Die Empathie kommt auch noch dazu. Was vorher nicht möglich war, sich in andere einzu“fühlen“ ist nun möglich. Gefühlsmäßig passiert da in dieser Zeit auch so einiges. So ist bei ganz vielen Kindern beobachtbar, dass sie auf einmal in der Lage sind, zwei Gefühle gleichzeitig zu fühlen. Man kann z.B. traurig und wütend über eine Sache sein. Oder mit einem lachenden und weinenden Auge die Sache sehen. Neue Sprichwörter sind nun auch gefühlsmäßig aufnehmbar wie „Das kann man von zwei Seiten sehen“. Eventuell tragen Sätze wie „Das kann man vielleicht ja auch positiv sehen.“ erste Früchte. Es ist schon berührend, wenn dieser Satz das erste Mal von dem eigenen Kind kommt.
All das sind klare Parallelen zur ersten Autonomiephase – nur eben auf der nächsten Entwicklungsstufe.
Die Vorschulkinder wollen selber entscheiden und am liebsten alles. Es ist enorm wichtig, dass spätestens jetzt gewisse Dinge von ihnen entschieden werden dürfen. Diese zweite Autonomiephase ist eine wunderbare Gelegenheit, einmal als Bezugsperson zu reflektieren und sich zu fragen, ob das Kind schon auch entscheidungsmäßig in der nächsten Entwicklungsstufe angekommen ist. In aller Regel nimmt das viele Konflikte schon mal raus.
Ein paar Beispiele kommen jetzt hier:
- Selber entscheiden, was der Junge/ das Mädchen anzieht
- was kommt auf mein Brot als Aufstrich? Was esse ich? und was esse ich nicht?
- welche Frisur möchte ich haben?
- In welcher Reihenfolge möchte ich welche Dinge machen?
- die Liste kann unendlich sein, wenn das nicht die Bedürfnisse und die Fürsorgepflicht der Eltern wären
Die Eltern haben eine gewisse Fürsorgepflicht und auch selber gewisse Bedürfnisse. Es ist gut, wenn spätestens in dieser Phase nach Möglichkeiten gesucht, dass auch die Eltern zu ihren „Bedürfnissen“ kommen. Deshalb nehmen Konflikte auch in dieser Entwicklungsphase zunehmend zu. Viele Erwachsene „opfern“ sich für ihre Kinder innerlich und äußerlich auf, ohne es zu merken und wundern sich dann, warum sie vielleicht zickig werden.
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Was hat Autonomie mit Bindung zu tun?
Kurz gesagt: Ohne sichere Bindung keine echte Autonomie.
Das klingt zunächst paradox – aber es ist einer der wichtigsten Grundsätze der Entwicklungspsychologie.
1. Bindung ist das sichere Fundament
Auch in der Kita wird es beobachtet, dass Kinder die keine, wenig oder eine unsichere Bindung zu den Eltern haben, wenig sogenannte Explorationsverhalten ( = Entdeckungsverhalten) an den Tag legen. D.h. oft versuchen diese Kinder kaum ihre Umgebung zu entdecken, wenn wenig Urvertrauen da ist. Sie spielen in der Ecke leise mit dem Spielzeug vor sich hin. Sie sind oft die leisen Kinder, die auch nie Widerspruch einlegen würden oder sagen würden, dass das jetzt unfair ist.
Ohne Bindung keine echte Autonomie. Denn was passiert, wenn Eltern keine echte Bindung aufbauen ( können)? Das Kind ist dermaßen verunsichert, weil es entweder wenig bis gar keine Sicherheit erfährt und die wenige Sicherheit, die es bekommt, festhalten will durch anspruchsloses Verhalten. Es wird leise, obwohl es viel zu sagen hätte. Es spielt ruhig, wenn gleich es lieber autonom seine Rechte rausposaunt hätte. Aber das wenige an Sicherheit will er festhalten. Deshalb wird es- wenn er weiß, dass es von ihm erwartet wird- wahrscheinlich sehr autonom auftreten können- aber trotzdem nicht gut zu sich selber stehen können.
Ein Kind, das sicher gebunden ist, steht zu sich selbst und posaunt oft seine Meinung heraus. Es steht auch zu seinen Gefühlen und weiß, was es will. Deswegen ist diese zweite Autonomiephase so wichtig: Das Kind lernt mehr und mehr sich selber kennen. Ist das manchmal anstrengend? Ja, ich denke.
Für die Eltern heißt das: Es gibt Grenzen, die in dieser Zeit verschoben werden dürfen und sollen. Die Eltern können sich ein Stück weit rausnehmen. Es gibt Entscheidungen, die darf das Kind alleine treffen. Immens wichtig ist aber auch, dass Eltern zu ihren Bedürfnissen stehen und weiterhin bei ( für sie) wichtigen Dingen Grenzen setzen. Beim Zähne putzen, gesunde Ernährung usw. hat der Satz- wegen der Fürsorgepflicht der Eltern und der Liebe wegen- „Mein Körper gehört mir“ leider keine Berechtigung. Aber das Kind darf mitentscheiden, wie das Zähneputzen abläuft. Über das „Was“ wird bei manchen Dingen nicht diskutiert. Mit einem Zahnputzlied ist das Zähneputzen allerdings keine Herausforderung mehr oder das Kind will alleine putzen. Kein Problem. Dann wird „nur“ nachgeputzt. Es kann aber auch sein, dass das Kind gar kein Lied mehr möchte und einfach nur putzen möchte. Mehr zu dem Thema „wie“ gewisse Dinge ablaufen können, damit es nicht unbedingt zum Drama wird, gibts in den nächsten Tagen.
2. Autonomie UND Nähe – kein Widerspruch
Wirklich nicht, denn versetzen wir uns mal in die Lage eines Vorschulkindes: Zwischen „ui, ich merke, ich kann das alleine- wie toll und dann möchte ich das auch alleine können. Jetzt und immer.“ und einem „ui, das ging heute daneben, vielleicht habe ich nicht genug geschlafen oder ich war in Gedanken woanders“ liegen oft nicht mal 5 Minuten und das manchmal bei jeder neuen Aktivität. Dann die vielen Gefühle, ach und das Kind tut mir ja so leid. ( Empathie). Ich gehe es mal trösten.“ Gerade empathische Kinder haben es nicht leicht. Kinder mit einem sicheren Hafen wissen oft-wie in der ersten Autonomiephase- nicht wohin mit sich und ihren Gefühlen. Oft ist einfach alles zuviel und wo gehts dann hin? Natürlich in die Arme einer vertrauten Person. Oft Mama oder Papa.
Verständlich, oder?
3. Grenzen schaffen Sicherheit
Eltern müssen in dieser Zeit Orientierung geben. Klare, liebevolle Grenzen zeigen dem Kind:
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„Du bist sicher.“
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„Ich begleite dich.“
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„Ich halte dich, wenn es schwierig wird.“
Gerade in der Wackelzahnpubertät testen Kinder diese Grenzen intensiv – nicht aus Trotz, sondern aus dem Wunsch heraus, die Welt richtig zu verstehen. Klare Grenzen, die liebevoll gesetzt werden, helfen enorm bei der emotionalen Stabilisierung des Kindes.
Die im letzten Artikel schon erwähnte Kathy Weber spricht an der Stelle von der elterlichen Führung. Es gibt so einige Dinge, wo die elterliche Führung wichtig ist. Nicht autoritär im Sinne von „so wird es jetzt gemacht und basta. Sonst gibts Stress.“ Eher im Sinne von „Das sind meine Werte und das möchte ich jetzt von dir. Wie kann es für dich funktionieren, dass du Dinge, die im Alltag wichtig sind, mit machst ohne, dass wir regelmäßig Stress bekommen deswegen?“
Das Kind darf nicht immer machen, was es will. Es hat eine gewisse Entscheidungsfreiheit, aber um Sicherheit zu vermitteln, ist eine Alltagsstruktur unumgänglich. Wenn den Eltern wichtig ist, dass das Kind in die Kita geht, ist es meiner Meinung Pflicht der Eltern, eine in ihren Augen gute Kita raussuchen und eine gute Eingewöhnung zu leisten. Wenn das Kind zu Hause bleiben darf, kann oder soll, dann ist es wichtig, dass die Eltern eine gewisse Alltagsstruktur zu Hause schaffen und durchsetzen. Dafür sorgen, dass ihre Kinder dann zu Hause gewisse Dinge, die es für die Schule braucht, auch erlernen wird.
Kathy Weber nennt es „Elterliche Führung“ übernehmen wie ich es weiter oben erklärt habe. Diese elterliche Führung darf in der Vorschule abnehmen bei gewissen Dingen, aber nicht in der normalen Alltagsstruktur. Wie das kindgerecht gehen kann, zeigt Kathy Weber mit Herzensache immer wieder auf.
4. Ko-Regulation bleibt wichtig
Auch große Kinder brauchen manchmal Unterstützung, um starke Gefühle zu regulieren.
Das bedeutet nicht, dass sie „klein“ sind – sondern dass ihr Gehirn noch reift.
Die Qualität der Bindung entscheidet, wie gut ein Kind später selbst regulieren kann.
Wie Eltern ihr Kind in dieser zweiten Autonomiephase stärken können
1. Autonomie wertschätzen
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kleine Aufgaben übertragen
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Entscheidungen im Alltag ermöglichen
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Selbstständigkeit loben, ohne zu überhöhen
2. Emotionen begleiten
Nicht jedes Verhalten akzeptieren – aber jedes Gefühl anerkennen.
Das schafft Verbundenheit trotz Konflikten.
3. Klare Strukturen geben
Routinen und liebevolle Grenzen sind Orientierungspunkte, die dem Kind Sicherheit geben.
4. Nähe anbieten – auch wenn das Kind „groß“ sein will
Rückzugsmomente nicht falsch verstehen. Nähe bleibt wichtig, nur die Form verändert sich.
Fazit: Eine wichtige Entwicklungszeit – und eine Chance für die Beziehung
Die Wackelzahnpubertät ist kein Problem, sondern eine natürliche und notwendige Entwicklungsphase. Wenn wir sie als zweite Autonomiephase betrachten, erkennen wir ihren Sinn:
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Das Kind stärkt sein Selbstbild.
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Es bereitet sich emotional und kognitiv auf die Schule vor.
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Es prüft seine Bindung, um mutiger in die Welt hinausgehen zu können.
Diese Phase kann herausfordernd sein – aber sie ist auch eine wunderbare Gelegenheit, die Beziehung zu Ihrem Kind zu vertiefen und es auf dem Weg zum Schulkind liebevoll zu begleiten.
Autonomie als spezifisches Bedürfnis der Vorschulkinder sehen. Wie kann das gehen? Im Folgenden gibts ein paar Anregungen:
- Wenn vermehrt Konflikte auftauchen wegen immer dem gleichen Thema, ist es vielleicht Zeit, die Grenzen diesbezüglich zu erweitern.( und es auch für mich okay ist)
- Sich selber fragen: Welche Grenzen bleiben ( natürlicherweise) oder weil es ein Schutz für das Kind ist?
- Wie kann ich den wichtigen Satz „mein Körper gehört mir“ so mit dem Leben füllen, dass es der Entwicklungsphase angemessen ist?
- Ein Nein ist ein Nein in gewissen Bereichen überdenken.
- Vielleicht ist es dran, eine deutliche Abgrenzung zu kleineren Geschwistern zu schaffen oder eine deutliche Abgrenzung zu größeren Geschwistern.
Eine richtig coole Frau, die das Thema „Autonomie“ und Bedürfnisse sehr stark behandelt, ist Kathy Weber. Die bedürfnisorientierte Erziehung ist der Mutter zweier Kinder ein Herzensanliegen und sie hat einen Blogartikel geschrieben, der das Thema „Autonomie“ als Bedürfnis in der 2. Autonomiephase näher beleuchtet.
https://kw-herzenssache.de/wackelzahnpubertaet/
Mit Kathy Weber bin ich schon seit ein paar Jahren unterwegs und ich schätze sie und ihre Art sehr. Dieser Artikel ist in vielerlei Hinsicht sehr gut gelungen. Vor allem erklärt er auch sehr gut diese besondere Phase bei Vorschülern in der allgemein betitelten Wackelzahnpubertät. Für diese Empfehlung bekomme ich keine Provision! Es ist eine reine Herzensempfehlung.
Schreib doch mal in die Kommentare, ob dir irgend etwas Neues begegnet ist in diesem Artikel!