Wie es ja schon anklang im vorherigen Blogartikel, haben es Linkshänder in dieser Welt nicht so leicht, ihre natürliche gegebene Händigkeit entspannt zu leben. Gerade im Kinderzimmer drohen vor allem bei mechanischem Spielzeug Gefahren. Diese Welt scheint für Rechtshänder gemacht zu sein. Deshalb ist es wichtig, dass die Eltern von Vorschulkindern auf diese Gefahren aufmerksam gemacht werden.
Konkrete „menschliche“ Gefahren
Unter konkrete „menschliche“ Gefahren verorte ich Großeltern, die in der Zeit hängen geblieben sind, wo eine Umpolung normal war. Denn -und das haben sie damals schon gewusst- die Welt ist für Rechtshänder gemacht. Das war damals schon.
Gehen wir jetzt einmal von dem Fall aus, dass ein Linkshänderkind in den ersten 3/4 Jahren seines Lebens sich ausprobiert hat, die Händigkeit für Eltern und Großeltern nicht sicher war, weil exakte Beobachtungsmomente fehlten. Die Großeltern verbringen aufgrund Berufstätigkeit beider Eltern viel Zeit mit dem Kind und aufgrund ihrer Prägung haben sie bei Unsicherheit direkt gesagt „Nimm doch den Stift in die „gute“ Hand, nimm doch das gute Händchen.“ Das Kind wird vermutlich tun, was die Großeltern wollen. Vielleicht geben die Großeltern dem Kind den Löffel in die rechte Hand, ohne dass das Kind danach greifen muss und selbst entscheiden darf. Beim Stift genauso. Schon ist eine kleine Festlegung bei der Händigkeit des Kindes gegeben. Aber nicht aus der Natürlichkeit der Händigkeit heraus. Ich möchte hier klar sagen, dass nicht alle Großeltern so sind und so etwas sagen. Und sie handeln bei dem wie sie handeln auch nicht aus Böswilligkeit, höchstens aus Unwissen und weil mit ihnen vielleicht genauso verfahren wurde. ( Thema Vorbild). Kein Großeltern will den Enkeln bewusst etwas Böses und wenn das Thema Linkshändigkeit nie Thema in der Familie war, dann kann man ihnen das wohl auch nicht verübeln, wenn sie so handeln.
Eltern, die in der ersten Zeit mit dem Kind nicht so genau hingeschaut haben und keine expliziten Tests mit dem Kind gemacht habe. Die sich vielleicht auch gesagt haben: Ob mit links oder rechts geschrieben wird, ist doch total egal, soll das Kind mal so machen, wie es will. Eltern, die nicht um die Gefahr wussten, dass Händigkeit zwar natürlich ist, sich aber oft nicht so explizit zeigt. Hier liegt auch ein Fehler in der mangelnden Beobachtung.
Eine weitere „menschliche“ Gefahr liegt im Kind selbst. Denn wenn ein Kind liebt, ahmt es nach und das ohne nachzudenken, weil es ja um die Folgen noch gar nicht weiß. Es will dem geliebten Elternteil ähnlich sein, mit ihm verschmelzen. Das kann es nur, wenn er alles so macht wie er. Oder es will nicht alleine sein in der Famiie mit seinem Anders sein. Denn Linkshändigkeit stellt noch immer nicht die Normalität dar. Bei etwas über 10% in der Bevölkerung kann man nicht von normal sprechen. Sensible Kinder spüren auch, dass die Eltern sich vielleicht Sorgen machen, wenn sie zeigen, dass sie linkshändig sind. Alles das sind Gründe, warum eine der Gefahr im Kind selbst liegt.
Mechanische Geräte für Rechtshänder gemacht
Eine weitere große Gefahr liegt in den mechanischen Geräten im Kinderzimmer des Linkshänderkindes. Martina Neumann- Ploschenz hat sogar eine Art Checkliste entwickelt, anhand derer interessierte Eltern das Kinderzimmer abgehen können und mechanische Gefahren suchen können. Denn die allermeisten der mechanischen Geräte sind für Rechtshänder gemacht. Auf S.123 in ihrem Buch schreibt sie: …“Linkshänder haben viele Nutzungsprobleme, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Und Rechtshänder können sich oft schwer vorstellen, warum es für Linkshänder einen Moment länder dauert, wenn sie neue Geräte benutzen wollen.“ Wenn ein kleines Kind nun impulsiv ist, wie es viele Kinder nun mal sind, wird eben drauf los ausprobiert und nicht abgewartet. Und schon ist das Spielzeug kaputt. Eine Folge, wenn dies öfter passiert, kann sein: Das Kind wird in die Schublade „ungeschickt“ gesteckt und später vielleicht sogar für diese Ungeschicktheiten bestraft.
Wenn diese Kinder nun aufgrund der Gemengenlage für sich entscheiden, dass sie dann halt doch lieber mit rechts schreiben lernen, ist das für das Gehirn ganz schwierig. Denn es ist ja anders ausgerichtet als es nun immer machen muss. Gerade das Schreiben lernen ist ein sensibler feinmotorischer Vorgang. Auf S. 39 beschreibt Martina Neunmann-Ploschenz die Auswirkungen für das Gehirn, wenn ein natürlicher Linkshänder alles wie ein Rechtshänder machen muss:
„Funktionelle Bildgebungsstudien haben bewiesen, dass bei derAusführung von Handbewegungen die gegenüberliegende Hirnhälfte aktiv ist. Bei umgeschulten Linkshändern ( das sind Linkshänder, die mit der rechten Hand schreiben), zeigen sich besondere Muster: Beide Gehirnhälften werden gleichzeitig aktiviert, was auf eine erhöhte Gehirnaktivität hinweist.
Normalerweise arbeitet beim Bewegen der Hände, die gegenüberliegende Gehirnhälfte-wie ein gut eingespieltes Team. Dich wenn ein linkshändiges Kind mit rechts schreiben muss, arbeiten beide Hemisphären gleichzeitig. Das kostet deutlich mehr Energie. Stell dir vor, dein Kind müsste beim Fahrradfahren zusätzlich jonglieren. Genauso fühlt sich das für das Gehirn an.“ S. 39 „Linke Hände- viele Talente- was Linkshänder-Kinder brauchen und wie wir sie stärken können.
https://www.lernlustcoaching.com/linkshaender/buch-vorbestellen/
Die liebe Martina Neunmann- Ploschenz hat auch einen Adventskalender gemacht. Am Tag 13 kann man da noch einsteigen:
https://www.lernlustcoaching.com/linkshaender/adventskalender-shop/adventskalender13/
In ihrem Tag 13 gibt es auch einen direkten Blog-Link zu einem sehr lesenswerten Blogartikel zum Thema dieses Blogartikels.
Bei all den Gefahren, die für ein Linkshänderkind in dieser Welt bestehen, möchte ich betonen, dass es wirklich Kinder gibt, die in der Vorschulzeit immer noch nicht sichtbar ihre Händigkeit zeigen und die Hand immer wieder wechseln. Es ist einfach nicht beobachtbar. Weder für Eltern noch für die Erzieher. In diesem Fall rate ich dringend zu einem Händigkeitstest bei den dafür ausgebildeten Fachkräften. Weil ich mir sehr unsicher war über meine Händigkeit, habe ich mich bei einer Physiotherapeutin aus meinem Bekanntenkreis testen lassen. Sie hatte die Zusatzausbildung, die es hier in Deutschland erlaubt, einen Händigkeitstest zu machen. Vielen Dank an dieser Stelle bei Gaby. In dem Test kam heraus, dass ich zu 80% linkshändig bin. Was ich damit gemacht habe, erzähle ich irgendwann in einem anderen Blogartikel.
Händigkeitstest
Ich würde zu einem Händigkeitsstest raten, wenn
- da Kind wirklich nicht sicher ist in der Händigkeit bzw. für Eltern und Fachkräfte nicht ersichtlich ist, welche Händigkeit es nun hat. In der Vorschule gibt es einige Kinder, die aus den verschiedensten Gründen ihrer Händigkeit unsicher sind. Weil in der Schule Schreiben lernen ansteht, halte ich es für sinnvoll, dies mit der richtigen Hand zu machen
- wenn das Kind scheinbar eine sichere Händigkeit hat, aber immer noch meistens bei Ausmalbildern über den Rand malt und insgesamt eher unsicher in den feinmotorischen Tätigkeiten wirkt und sie vielleicht sogar meidet.
- wenn das Kind scheinbar sicher in der Händigkeit ist, aber zu Traurigkeiten neigt und sich insgesamt nicht wohl in seiner Haut fühlt. Wenn es wiederholt zum Beispiel Dinge sagt wie: Ich fühle mich anders und eigentlich möchte ich so sein wie die anderen.
Ich weiß nicht, wie die Krankenversicherungen zur Kostenübernahme stehen, aber ich würde es für mein Kind tun. Denn die Folgen, die es haben kann, mit der falschen Händigkeit schreiben und andere feinmotorische Dinge zu lernen, wären mir zu hoch für mein Kind. Es ist einfach auch weit entfernt von entspannt lernen. Auch kann sich eine angeborene LRS oder Dyskalkulie verstärken.
Vielleicht kennen Sie Linkshänder- Berater in ihrem Umfeld, die den Test durchführen können. Es lohnt sich da mal, zu forschen.
Morgen möchte ich gerne mit dem kompletten Interview von Martina Neumann- Ploschenz das Thema „Linkshändigkeit“ abschließen.